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Landtagswahlen 2008:

Untersuchung der Wahl in Messel

Am hessischen Landtagswahltag, dem 27. 01. 2008, führte ein Team der Universität Konstanz (unter Leitung von Prof. Dr. Carlos Alós-Ferrer) in der Gemeinde Messel ein Feldexperiment durch. Mit der Bewilligung und freundlichen Unterstützung des hessischen Ministeriums des Innern und für Sport, des Landeswahlleiters des Landes Hessen (Herrn Wolfgang Hannappel), des Bürgermeisters der Gemeinde Messel (Herrn Udo Henke) und des Wahlbeauftragten der Gemeinde Messel (Herrn Dieter Lehr), haben wir in den drei Wahllokalen von Messel eigene ,,Wahlkabinen'' installiert und die Wähler gebeten, im Anschluss an ihre Teilnahme an der offiziellen Wahl ein weiteres Mal (fiktiv) zu wählen. Dieses zweite (fiktive) Mal sollten die Bürger nach einem alternativen Wahlverfahren, dem so genannten Zustimmungsverfahren („Approval Voting“) wählen. 

Wir hatten vor der Wahl allen 3017 Wahlberechtigten von Messel per Post einen Brief zugesandt, in dem wir das Zustimmungsverfahren und die Untersuchung am Landtagswahltag erläutert haben. Bei dem Zustimmungsverfahren darf die Wählerin bzw. der Wähler so viele Kandidaten bzw. Parteien wählen („ihnen zustimmen“), wie sie oder er möchte. Aus Sicht der ökonomischen und politischen Theorie besitzt diese Methode viele attraktive Eigenschaften, die hauptsächlich auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass die Wähler bessere Möglichkeiten haben, ihre persönlichen Präferenzen zum Ausdruck zu bringen, ohne dass dadurch die Methode unnötig verkompliziert würde (Mehr Details). Vor unserer Untersuchung gab es eine einzige empirische Untersuchung des Zustimmungsverfahrens in einer echten Wahlsituation, und zwar in Orsay (Frankreich) bei den Präsidentschaftswahlen 2002 (Mehr Details). Unsere Untersuchung ist also die erste ihrer Art in Deutschland

Das Ziel der Untersuchung war es, die Methode des Zustimmungsverfahrens in Deutschland empirisch zu überprüfen. Insbesondere wollten wir herausfinden, welche Unterschiede zwischen den Ergebnissen nach dem Zustimmungsverfahren und denen nach der derzeit gültigen Wahlmethode bestehen. Die Resultate sind aber auch aus anderen Gründen interessant, wie beispielsweise für die ökonomische und politische Theorie und auch für das Verständnis der politischen Lage in Hessen.

Wir haben die Wähler von Messel gebeten, zwei Wahlscheine auszufüllen, einen für die Wahlkreisstimme und einen für die Landesstimme. Dadurch erhielten wir zwei unterschiedliche Datensätze. Bei der Wahlkreisstimme galt es aus einer relativ kleinen Anzahl von Kandidaten (insgesamt acht) auszuwählen. Nach der offiziellen Wahlmethode zieht dabei derjenige in den Landtag ein, der die einfache Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen kann („Winner Takes All“-Prinzip). Bei der Landesstimme galt es aus einer relativ großen Anzahl von Parteien (insgesamt 17) auszuwählen, wobei nach der offiziellen Wahlmethode die Anzahl der Sitze im Landtag proportional zur Anzahl der erhaltenen Stimmen verteilt wird.

DIE OFFIZIELLE WAHL

Messel gehört zum hessischen Wahlkreis 51 (Darmstadt-Dieburg I). Es gab in diesem Wahlkreis 8 Kandidaten für die Wahlkreisstimme, nämlich jeweils einen Kandidaten der CDU, der SPD, Der Grünen, der FDP, der Republikaner, Der Linken, der Freien Wähler und der NPD. Das Direktmandat gewann die Kandidatin der SPD. Für die Landesstimme standen 17 Listen zur Wahl: CDU, SPD, Grüne, FDP, Republikaner, Tierschutzpartei, BüSo, PSG, Volksabstimmung, die Grauen, Die Linke, die Violetten, Familien-Partei, Freie Wähler, NPD, Piraten Hessen und UB. Die Resultate in Messel waren im Großen und Ganzen repräsentativ für das ganze Land Hessen.

In Gesamt-Hessen waren SPD und CDU die meist gewählten Parteien mit ähnlicher Stimmenanzahl, aber keine der zwei ?„natürlichen“ Koalitionen (CDU + FDP und SPD + Grüne) konnte eine absolute Mehrheit erreichen. Nur fünf Parteien erhielten mehr als 5% der Stimmen und sind damit im Landtag vertreten: CDU, SPD, FDP, Grüne, und Die Linke. Die Situation in Messel war dieselbe, mit der Ausnahme, dass Die Linke nur 4,9% der Stimmen erreichte, und damit knapp unter der Grenze für einen Einzug in den Landtag (,,Sperrklausel'') lag. Statistisch ist dieser Unterschied bedeutungslos.

In Messel waren 3017 Wahlberechtigte zur Wahl aufgerufen. Es gab drei Wahllokale: Messel I, Messel II und Grube Messel, mit 1326, 1401, und 290 Wahlberechtigten. Am Wahltag haben 1909 Wähler persönlich an der offiziellen Urnenwahl teilgenommen (Messel I: 847, Messel II: 902, Grube Messel: 160). 282 Wahlberechtigte wählten per Briefwahl. Damit ergibt sich eine Gesamtanzahl von 2191 Wahlteilnehmern, d.h. die Wahlbeteiligung war mit 72,6% relativ hoch. Das entspricht den Teilnahmequoten an vergangenen Wahltagen in Messel und spricht dafür, dass die Untersuchung erwartungsgemäß die Teilnahme an der offiziellen Wahl nicht beeinträchtigt hat.

DIE UNTERSUCHUNG

An unserer Studie nahmen nur Wahllokalwähler teil (Urnenwahl). Daher schließen wir alle Briefwähler für unsere Berechnungen und Vergleiche mit der offiziellen Wahl aus. Von den 1909 Urnenwählern nahmen 967 (50,65%) an unserer Studie teil (Messel I: 461, d.h. 54,43%; Messel II: 407, d.h. 45,12%; Grube Messel: 99, d.h. 61,88%). Es gab 6 ungültige Stimmen (4 in Messel I, 2 in Messel II), sodass unser Datensatz die Entscheidungen von 961 Wählern umfasst (Messel I: 457; Messel II: 405, Grube Messel: 99).

Die Ergebnisse bei der Vergabe der Wahlkreisstimme, vor allem aber bei der Landesstimme unterscheiden sich zum Teil erheblich von denen der offiziellen Wahl. Wir werden die Resultate in vier Abschnitten erläutern: Wahlkreisstimme, Landesstimme, fiktiver ,,Messel-Landtag'' und weitere Anmerkungen (z.B. Koalitionszustimmungen).

Allgemeine Anmerkung: Obwohl die Resultate in Messel in der letzten und in den vergangenen Landtagswahlen repräsentativ für die Ergebnisse im ganzen Bundesland Hessen gewesen sind, kann man statistisch die „Stichprobe Messel“ nicht als Grundlage für politische Aussagen benutzen, die ganz Hessen betreffen. Unsere Diskussion ist daher als rein informativ zu verstehen. Wir beschränken uns auf einen Vergleich mit den Ergebnissen der offiziellen Urnenwahl in Messel selbst.

Unsere Tabellen sind wie folgt zu lesen:

  • Kandidat/Partei:Name und Partei des Kandidaten/der Partei.
  • Zustimmungen: Prozent der Wähler, die dem Kandidaten/der Partei zugestimmt haben. Da jeder Wähler mehr als einem Kandidaten/einer Partei zustimmen konnte, addieren sich die Prozente nicht zu 100%, sondern zu (in diesem Fall) 186% für die Wahlkreisstimme und 225% für die Landesstimme.
  • Zustimmungs-Anteil: Anzahl der Zustimmungen für einen Kandidaten/eine Partei, dividiert durch die Gesamtanzahl der Zustimmungen (d.h. eine Renormalisierung der Zustimmungen, sodass sich die Summe auf 100% beläuft).
  • Z-Rang: Hier werden die Kandidaten/Parteien absteigend nach Anzahl der Zustimmungen geordnet (z.B. Z-Rang „1“ für den Kandidaten mit den meisten Zustimmungen).
  • Offizielle Wahl: Stimmenanteil bei der offiziellen Wahl in Messel (ohne Briefwähler).
  • O-Rang: Hier werden die Kandidaten/die Parteien absteigend nach ihrem Stimmenanteil in der offiziellen Wahl geordnet (z.B. O-Rang „1“ für den Kandidaten mit den meisten Stimmen bei der offiziellen Wahl).

ERGEBNISSE (1): WAHLKREISSTIMME

Die folgende Tabelle fasst die Resultate für die Wahlkreisstimme zusammen.

Kandidat Zustimmungen Z-Anteil Z-Rang Offizielle Wahl O-Rang
Hofmann, SPD 58,0% 31,2% 1 45,9% 1
Milde, CDU 41,8% 22,5% 2 37,9% 2
Harth, GRÜNE 31,4% 16,9% 3 4,5% 4
Dr. Krug, FDP 30,3% 16,3% 4 6,0% 3
Deistler, LINKE 10,4% 5,6% 5 3,4% 5
Herrmann, FREIE WÄHLER 7,4% 4,0% 6 0,8% 7
Bauer, REP 3,9% 2,1% 7 1,1% 6
Zeuner, NPD 2,8% 1,5% 8 0,3% 8
Total 186,0% 100%   100%  

Dazu möchten wir Folgendes anmerken:

  1. Gewinner nach dem Zustimmungsverfahren wäre, wie in der offiziellen Wahl, Frau Hofmann (SPD) gewesen. Abweichend von den Ergebnissen der offiziellen Wahl hat Frau Hofmann allerdings im Zustimmungsverfahren sogar die absolute Mehrheit der Wähler erreicht --- 58% der Wähler gaben Frau Hofmann in dieser alternativen Wahlmethode ihre Zustimmung. Diese Information geht in den offiziellen Wahlergebnissen aufgrund der anderen Wahlmethode jedoch verloren.
  2. Es gibt durch das Zustimmungsverfahren eine veränderte Rangfolge der Kandidaten. In der offiziellen Wahl standen die Kandidatin der Grünen an vierter und der Kandidat der FDP an dritter Stelle. Diese beiden Kandidaten müssten nach dem Zustimmungsverfahren ihre Rangplätze tauschen.
  3. In der offiziellen Wahl stand der Kandidat der Republikaner an sechster und der Kandidat der Freien Wähler an siebter Stelle der Rangliste. Auch diese zwei Kandidaten müssten nach dem Zustimmungsverfahren ihre Rangplätze tauschen. Der Unterschied zwischen der offiziellen Wahlmethode und dem Zustimmungsverfahren ist in diesem Fall besonders groß. Während sich der Kandidat der Freien Wähler im Zustimmungsverfahren auf eine bedeutende Zustimmung von 7,4% stützen kann (eine Information, die im offiziellen Wahlergebnis von 0,8% der Stimmen nicht mehr zu finden ist), erhielt der Kandidat der Republikaner im Zustimmungsverfahren nur eine Zustimmung von 3,9%.
  4. Die Wähler haben durchschnittlich 1,86 Kandidaten zugestimmt (Standardabweichung: 0,874). Dieser Wert ist ziemlich robust, denn die einzelnen Durchschnittswerte in den drei Wahllokalen waren vergleichbar groß (Messel I: 1,89, Messel II: 1,83, Grube Messel: 1,84).

ERGEBNISSE (2): LANDESSTIMME

Die folgende Tabelle fasst die Resultate für die Landesstimme zusammen.

Partei Zustimmungen Z-Anteil Z-Rang Offizielle Wahl O-Rang
SPD 53,8% 23,9% 1 38,9% 1
CDU 44,6% 19,8% 2 36,0% 2
GRÜNE 36,1% 16,0% 3 7,0% 4
FDP 32,6% 14,5% 4 9,0% 3
DIE LINKE 12,3% 5,5% 5 4,9% 5
Tierschutzpartei 9,6% 4,3% 6 0,8% 7
FAMILIE 9,6% 4,3% 6 0,2% 12
FREIE WÄHLER 7,1% 3,1% 8 0,5% 9
REP 3,3% 1,5% 9 1,0% 6
Volksabstimmung 2,9% 1,3% 10 0,2% 13
NPD 2,8% 1,2% 11 0,8% 7
PIRATEN Hessen 2,8% 1,2% 11 0,3% 10
GRAUE 2,5% 1,1% 13 0,2% 13
UB 2,1% 0,9% 14 0,1% 15
Die Violetten 1,0% 0,5% 15 0,3% 11
PSG 0,9% 0,4% 16 0,1% 15
BüSo 0,9% 0,4% 16 0,1% 15
Total 225,0% 100%   100%  

Dazu möchten wir folgende Anmerkungen machen:

  1. Das Bild der ,,zwei großen Parteien'' verschwindet wenn das Zustimmungsverfahren eingesetzt wird. Es gäbe im Fall Messel nach dem Zustimmungsverfahren vier Parteien, die sich jeweils auf eine Zustimmung von über 30% der Wähler stützen könnten: CDU, SPD, Die Grünen und die FDP. Berechnet man die Sitzverteilung im Landtag auf Grundlage der Wahlergebnisse nach dem Zustimmungsverfahren (siehe der fiktive ,,Messel-Landtag'' unten), gäbe es vier große Fraktionen die mit jeweils ähnlich vielen Abgeordneten im Landtag vertreten wären. Die Ergebnisse des Zustimmungsverfahrens in Messel könnten somit ein Hinweis darauf sein, dass die Teilung der Wähler in zwei politische Lager aufgrund der offiziellen Wahlmethode relativ künstlich ist. Parteien wie Die Grünen und die FDP wären die ,,großen Gewinner'' des Zustimmungsverfahrens, was zu Lasten der beiden ,,großen'' Parteien ginge. 
  2. In Messel hat im Zustimmungsverfahren eine absolute Mehrheit der Wähler der SPD zugestimmt. Keine weitere Partei hat im Zustimmungsverfahren eine absolute Mehrheit an Zustimmungen erhalten, was nach dieser Wahlmethode (d.h. dem Zustimmungsverfahren) theoretisch durchaus möglich gewesen wäre.
  3. Manche sonst eher als ,,kleine'' Parteien eingestuften Parteien sind nach den Ergebnissen des Zustimmungsverfahrens nicht mehr als so „klein“ zu betrachten. Es gibt drei Parteien, die aufgrund der Ergebnisse der offiziellen Wahlmethode irrelevant sind, nach dem Zustimmungsverfahren aber die Zustimmung von bedeutend mehr als 5% der Wähler erhalten. Es handelt sich hierbei um die folgenden Parteien: die Tierschutzpartei (9,6%), die Familienpartei (9,6%) und die Freien Wähler (7,1%). Nimmt man an, dass diese Zahlen für Hessen repräsentativ sind, so könnte man argumentieren, dass diese Parteien im Landtag vertreten sein sollten (siehe der fiktive ,,Messel-Landtag'' unten).
  4. Das Bild der politischen Minderheiten wird durch die offizielle Wahlmethode verzerrt. Nach den vier großen Parteien und Der Linken kommen in der offiziellen Wahl als nächste Parteien in der Rangfolge die Republikaner (Rang 6) und die NPD (Rang 7). Nach dem Zustimmungsverfahren erreichen diese Parteien aber nur Rang 9 (Republikaner) und Rang 11 (NPD; stimmengleich mit den Piraten Hessen). Bei den wichtigsten ,,kleinen Parteien'' nach dem Zustimmungsverfahren handelt es sich dagegen um die Tierschutzpartei, die Familienpartei und die Freien Wähler (siehe oben).
  5. Die Wähler haben im Schnitt 2,25 Parteien zugestimmt (Standardabweichung: 1,141). Dieser Wert erwies sich ebenfalls als recht robust, denn die Durchschnittswerte in den drei Wahllokalen waren in etwa vergleichbar (Messel I: 2,31, Messel II: 2,20, Grube Messel: 2,20).

Besonders beachtenswert sind sowohl der im Zustimmungsverfahren beobachtete Übergang von zwei auf vier große Parteien als auch die unterschiedliche Bedeutung der so genannten ,,kleinen Parteien'' in Abhängigkeit von der jeweils eingesetzten Wahlmethode. Diese Unterschiede zwischen den Ergebnissen der offiziellen Wahlmethode und dem Zustimmungsverfahren lassen sich folgendermaßen erklären: Da im Durchschnitt ein Wähler 2,25 Parteien zugestimmt hat, bekommt eine Partei nach dem Zustimmungsverfahren durchschnittlich 2,25 Mal die Stimmen, die sie im offiziellen Verfahren bekommen hat. Das heißt, um die Anzahl der Zustimmungen einer ,,durchschnittlichen'' Partei im Zustimmungsverfahren auf Grundlage ihrer Stimmen im offiziellen Verfahren vorherzusagen, müsste man die Anzahl der Stimmen im offiziellen Verfahren mit dem Faktor 2,25 multiplizieren. Bei CDU und SPD liegt der Faktor jedoch nur bei jeweils 1,24 und 1,38. Die Grünen und die FDP dagegen erhalten einen Faktor von 5,14 bzw. 3,62. Die Faktoren der NPD und den Republikanern sind mit 3,5 bzw. 3,3 etwas größer als der Durchschnitt. Dagegen sind die Faktoren von Tierschutzpartei, Familienpartei, und den Freien Wählern mit 12,0, bzw. 48,0 und 14,2 jedoch enorm hoch. 

Wir ziehen die Schlussfolgerung, dass die derzeitige offizielle Wahlmethode die Wählermeinung nur verzerrt abbildet. Sie zwingt die Wähler, sich für nur eine Partei zu entscheiden. Dadurch wird für viele Wähler das so genannte Argument der „nützlichen Stimme“ bedeutsam. Nach diesem Argument sollte man die so genannten „kleinen Parteien“, die man eigentlich bevorzugen würde, nicht wählen, weil sie klein sind und keine Chancen haben den Regierungsauftrag zu bekommen oder gar in den Landtag einzuziehen. Stattdessen, so stellen sich das die Wähler vor, sollte man eine „große“ Partei wählen, deren Position man zwar gerade noch zustimmt, die man aber eigentlich weniger gerne an der Macht sehen würde als die eigentlich bevorzugte „kleine Partei“. Verhalten sich Wähler nach dieser Denkweise, führt das dazu dass die „kleine Parteien“ klein bleiben, auch wenn ihnen eigentlich eine relativ große Anzahl der Wähler zustimmt. Zum Beispiel werden möglicherweise CDU und SPD gewählt, weil es sich bei diesen um große Parteien handelt, obwohl die Präferenzen der Wähler für FDP und Die Grünen ähnlich hoch sind. In diesem Sinne bleiben die großen Parteien deshalb groß, nur weil sie bereits groß sind bzw. als „große“ Parteien angesehen werden.

Für die Minderheiten gilt derselbe Erklärungsansatz. Wegen des Arguments der „nützlichen Stimme“ („Wählt nur denjenigen, der Chancen hat!“), werden sämtlichen „kleinen“ Parteien Stimmen entzogen, weil sie derzeit klein sind (obwohl manche nach den wahren Präferenzen der Wähler vielleicht gar nicht so klein sind). Da beim Zustimmungsverfahren ein Wähler mit den beschriebenen Präferenzen sowohl die „kleine“ Partei wählen dürfte, die er am stärksten bevorzugt als auch die „große“, der er auch zustimmt, entfällt beim Zustimmungsverfahren das Kalkül der „nützlichen Stimme“.

Zudem ist das Argument der „nützlichen Stimme“ für die so genannten Protestwähler und für Wähler, die keiner großen Partei zustimmen, weniger zutreffend. Die offizielle Wahlmethode führt dazu, dass z.B. Parteien am Rande des politischen Spektrums überbewertet werden. Mit dem Zustimmungsverfahren finden diese Parteien in der Regel nur die Zustimmung von überzeugten Parteigängern, während andere kleine Parteien (mit weniger extremen politischen Positionen, wie beispielsweise die Tierschutzpartei, die Familienpartei und die Freien Wähler; siehe die Ergebnisse des Zustimmungsverfahrens in Messel) in Abwesenheit des Arguments der „nützlichen Stimme“ eine breitere Zustimmung finden als beispielsweise Parteien an beiden politischen Rändern.

ERGEBNISSE (3): DER MESSEL-LANDTAG

Um zu illustrieren, wie eine Anwendung des Zustimmungsverfahrens die Zusammensetzung des Landtags ändern würde, haben wir aufgrund der Ergebnisse des Zustimmungsverfahens in Messel einen fiktiven Landtag gebildet und dabei angenommen, die Ergebnisse von Messel seien auf das ganze Land übertragbar. Dieser fiktive „Messel-Landtag“ dient natürlich nur der Illustration.

Um einen Vergleich zu ermöglichen, bildeten wir zuerst auf Basis der offiziellen Wahlergebnisse der Gemeinde Messel einen „Messel-Landtag“. Das heißt wir berechneten welche Sitzverteilung sich im hessichen Landtag ergeben würde, wenn man die Ergebnisse der offiziellen Wahl in Messel auf das ganze Land Hessen übertragen würde.

Die Landtagswahlergebnisse nach dem offiziellen Wahlverfahren in Messel fielen sehr ähnlich aus wie die Landtagswahlergebnisse im ganzen Land Hessen. Der Hauptunterschied besteht darin, dass Die Linke mit 4,9% in Messel die 5%-Grenze sehr knapp verfehlt hat. Die Linke ist bei der Wahl im ganzen Land Hessen jedoch in den hessischen Landtag eingezogen, d.h. hat die 5% Hürde (knapp) genommen. Damit diese statistisch irrelevante Verzerrung das Bild nicht trübt, haben wir den Messel-Landtag so berechnet, als wären 4,9% genug, um in den hessischen Landtag einzuziehen.

Die folgende Tabelle und die dazugehörige Abbildung zeigen den fiktiven „Messel-Landtag“ nach den Ergebnisse der offiziellen Wahl der Gemeinde Messel. Die Sitzverteilung wird, wie es auch in der offiziellen Wahl der Fall gewesen ist, nach dem Hare-Niemeyer Verfahren berechnet. Dabei werden zuerst alle Parteien unter der 5%-Grenze (in unseren Fall 4,9%) eliminiert, und dann die Stimmenprozente auf Basis der Gesamtstimmenanzahl der übrigen Parteien neu berechnet. Die Ergebnisse werden mit dem Faktor 110/100 multipliziert (das liegt daran, dass es im hessischen Landtag 110 Abgeordnete gibt) und abgerundet. Die wegen der Rundung fehlenden Mandate werden an die Parteien mit dem größten „Rest“ (ab der ersten Dezimalstelle) vergeben.

Partei Stimmen % (umgerechnet) Mandate
SPD 726 40,65% 45
CDU 671 37,57% 41
FDP 168 9,41% 10
Grüne 130 7,28% 8
Linke 91 5,10% 6
Total 1786 100% 110

Abbildung: Der ,,Messel-Landtag'' basierend auf den Ergebnissen der offiziellen Wahlmethode

Das Bild ähnelt qualitativ der Sitzeverteilung des tatsächlichen hessischen Landtags aufgrund der offiziellen Wahlergebnisse im ganzen Land Hessen: (1) CDU und SPD sind die zwei größten Parteien. (2) Die „nahe liegenden“ Koalitionen aus CDU und FDP bzw. SPD und Grünen hätten keine absolute Mehrheit. (3) Die große Koalition (CDU und SPD) hätte eine absolute Mehrheit.

Um einen fiktiven „Messel-Landtag“ nach dem Zustimmungsverfahren zu bilden, verwenden wir die normalisierten Zustimmungsanteile. Dabei ist die Anzahl der Zustimmungen für die Partei, geteilt durch die Summe aller Zustimmungen (und nicht durch die Anzahl der Wähler) entscheidend für die Anzahl von Abgeordneten der entsprechenden Partei. Darüber hinaus versuchen wir aus Gründen der Vergleichbarkeit, der offiziellen Methode der Sitzeverteilung so genau wie möglich zu folgen. D.h., wir wenden das Hare-Niemeyer-Verfahren an und behalten die 5%-Grenze für den Einzug in den hessischen Landtag bei. Dabei mussten wir entschieden, ob die 5%-Hürde als Kriterium für den Einzug in den Landtag auf Zustimmungen oder auf Zustimmungsanteile angewendet werden soll. Wir wählten schließlich als Kriterium für den Einzug in den Landtag die Zustimmungen in Prozent, d.h. jede Partei, die die Zustimmung von mindestens 5% der Wähler auf sich vereinigt hat, zieht in den fiktiven Landtag ein. Dieses Vorgehen erschien uns einfacher und repräsentativer.

Die folgende Tabelle und die dazugehörige Abbildung zeigen den fiktiven „Messel-Landtag“ wie er sich aufgrund des Zustimmungsverfahrens ergeben würde. Zuerst wurden alle Parteien unter der 5%-Zustimmungsgrenze eliminiert. Anschließend wurden die Zustimmungsanteile für die einzelnen Parteien neu berechnet. Diese Ergebnisse wurden mit dem Faktor 110/100 multipliziert (weil es im hessischen Landtag 110 Abgeordnete gibt, siehe oben) und abgerundet. Nach dem Hare-Niemeyer Verfahren wurden dann die aufgrund der Rundung fehlenden Mandate an die Parteien mit dem größten „Rest“ (ab der ersten Dezimalstelle) vergeben.

Partei Anzahl der Zustimmungen Zustimmungen Z-Anteile Mandate
SPD 517 53,8% 26,16% 29
CDU 429 44,6% 21,71% 24
Grüne 347 36,1% 17,56% 19
FDP 313 32,6% 15,84% 17
LINKE 118 12,3% 5,97% 7
Tierschutzpartei 92 9,6% 4,66% 5
FAMILIE 92 9,6% 4,66% 5
Freie Wähler 68 7,1% 3,44% 4
Total 1976   100% 110

Abbildung: Der Landtag-Messel basierend auf den Ergebnissen des Zustimmungsverfahrens

Der fiktive Landtag-Messel basierend auf den Ergebnissen des Zustimmungsverfahrens unterscheidet sich stark vom offiziellen Landtag: (1) Es wären vier große Fraktionen im Landtag vertreten, nämlich CDU, SPD, FDP und Die Grünen. (2) Es wären zusätzlich vier kleine Parteien im Landtag vertreten, nämlich Die Linke, die Tierschutzpartei, die Familienpartei und die Freien Wähler. (3) Die „große Koalition“ (CDU und SPD) würde keine absolute Mehrheit erreichen.

In diesem fiktiven Landtag-Messel würden sich interessante Möglichkeiten für die Regierungsbildung ergeben. Zum Beispiel wären die drei „neuen“ kleinen Parteien im Landtag (Tierschutzpartei, Familienpartei und Freie Wähler) zusammen in der Lage, eine Regierung von SPD und Grünen zu ermöglichen, ohne dass hierzu die Teilnahme Der Linken oder der FDP notwendig wäre. Allerdings wären diese drei kleinen Parteien nicht in der Lage, eine Regierung mit CDU und FDP zu ermöglichen. Auch eine breite Koalition von allen Parteien außer CDU und SPD wäre theoretisch möglich.

ERGEBNISSE (4): SONSTIGE ANMERKUNGEN

Koalitionen. Ein Vorteil des Zustimmungsverfahrens ist, dass man die Zustimmung für Koalitionen an Hand der vorhandenen Stimmen nachprüfen kann, ohne zusätzliche Befragungen durchführen zu müssen. Der Nebeneffekt unserer Studie ist die Möglichkeit aufgrund unseres Datensatzes zu berechnen, wie viele Wähler jeweils explizit für eine Koalition gestimmt, d.h. allen Parteien einer hypothetischen Koalition zugestimmt haben. Die folgende Tabelle stellt die Anzahl der Wähler in Prozent dar, die jeder der politisch interessanten Koalitionen zugestimmt haben.

Koalition Zustimmung
SPD + Grüne 27,68 %
CDU + FDP 25,18 %
Große Koalition (CDU + SPD) 9,16 %
FDP + Grüne 6,14 %
SPD + Grüne + Linke 5,10 %
Jamaika (CDU + FDP + Grüne) 4,99 %
Ampel (SPD + Grüne + FDP) 4,79 %

Aus diesen Ergebnissen wird ersichtlich, dass in unserem Datensatz nur eine geringe Wählerzustimmung für diejenigen regierungsfähigen Koalitionen zu finden ist, die derzeit im Rahmen der Regierungsbildung in Hessen diskutiert werden.

Andere spezifische Fragen können dagegen leicht und schnell beantwortet werden. Beispielsweise haben 517 Wähler der SPD zugestimmt und 118 Der Linken. Davon haben aber nur 91 Wähler gleichzeitig der SPD und der Partei Die Linken zugestimmt. Das bedeutet, nur 17,6% der SPD-Wähler würden auch der Partei Die Linken zustimmen wenn sie die Möglichkeit dazu hätten, dagegen würden aber immerhin 77,1% der Wähler der Partei Die Linken auch der SPD zustimmen.

Anzahl der Zustimmungen. Es wurde in der wissenschaftlichen Literatur (z.B. in der Orsay-Studie in Frankreich und in einigen anderen kleinen Studien) berichtet, dass beim Zustimmungsverfahren die Wähler häufig durchschnittlich drei Kandidaten ihre Zustimmung geben. Diese Beobachtung lässt sich jedoch anscheinend nicht verallgemeinern. In unserer Studie haben die Wähler durchschnittlich 1,86 Kandidaten (von 8 möglichen Kandidaten) und 2,25 Parteien (von 17 möglichen Parteien) zugestimmt. Da diese Durchschnittswerte ziemlich stabil in allen drei Wahllokalen in der Gemeinde Messel zu beobachten waren, lässt sich vermuten, dass die Anzahl der Zustimmungen auf derzeit nicht identifizierte psychologische oder kulturelle Faktoren zurückzuführen ist. Tatsache ist, dass deutsche Wähler in Messel 2008 sich für bedeutend weniger Optionen entschieden haben als französische Wähler in Orsay 2002.

Sichtbarkeit der kleinen Parteien. Eine weitere Eigenschaft der offiziellen Wahlmethode zeigte sich in unserer Untersuchung. Für die so genannten „kleinen“ Parteien existiert im derzeitigen Wahlsystem eine weitere Hürde, nämlich ihre psychologische Unsichtbarkeit. Eine nicht unbedeutende Anzahl der Wähler hat uns während der Durchführung der Untersuchung berichtet, dass sie auf dem offiziellen Stimmzettel nie „nach unten schauen“ würden. Mit anderen Worten, viele Wähler haben an der offiziellen Wahl teilgenommen, die Liste der für sie verfügbaren Parteien aber nicht vollständig gelesen. Erst als diese Wähler in „unser“ Wahllokal kamen, und plötzlich die Möglichkeit hatten, für mehr als eine Partei zu stimmen, haben die Wähler die vollständige Liste gelesen. Manche Wähler äußerten sogar die Vermutung, dass unsere Stimmzettel nicht ernst gemeint seien, weil sie nicht glauben wollten, dass Parteien mit Namen wie „Die Piraten Hessen“ oder „Die Violetten“ tatsächlich kandidiert hatten. Und das obwohl dieselben Wähler wenige Minuten davor einen offiziellen Stimmzettel abgegeben hatten, auf dem die besagten Parteien aufgelistet waren.

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