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Bundestagswahl 2009:
Eine Wahlstudie in Konstanz

Am 27. September 2009, wurden die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands aufgerufen, mit Ihrer Stimmabgabe, über die Zusammensetzung des 17. Bundestages zu entscheiden. Parallel zur amtlichen Wahl führte ein Team der Universität Konstanz (unter Leitung von Prof. Dr. Carlos Alós-Ferrer)) in sechs ausgewählten Wahlbezirken der Stadt Konstanz (Wahlbezirke: „Rathaus“, „Wallgutschule I bis III“, „Parkstift Rosenau“ und „Geschwister-Scholl Schule“) ein Feldexperiment durch. Mit der Bewilligung des Bundeswahlleiters (Herrn Roderich Egeler), der Landeswahlleiterin des Landes Baden-Württemberg (Christiane Friedrich), sowie der Unterstützung durch Herrn Roth (Landratsamt Konstanz) Herrn Wiedemer-Steidinger (Wahlbeauftragter der Stadt Konstanz) und Frau Bernhardt (Stadt Konstanz), haben wir in den ausgewählten Wahlbezirken eigene „Wahlkabinen“ eingerichtet und die Wählerinnen und Wähler gebeten, im Anschluss, nach der Teilnahme an der amtlichen Wahl, ein weiteres Mal (fiktiv) zu wählen. Dieses zweite (fiktive) Mal sollten die Bürger nach einem alternativen Wahlverfahren, dem so genannten Zustimmungsverfahren („Approval Voting“) wählen.

Vor der Wahl, wurde allen 5526 Wahlberechtigten der ausgewählten Wahlbezirke per Post ein Informationsbrief zugesandt, in dem wir das Zustimmungsverfahren und die Untersuchung am Wahlsonntag erläutert haben. Bei dem Zustimmungsverfahren darf die Wählerin bzw. der Wähler so viele Kandidaten bzw. Parteien wählen („ihnen zustimmen“), wie sie oder er möchte. Aus Sicht der ökonomischen und politischen Theorie besitzt diese Methode viele attraktive Eigenschaften, die hauptsächlich auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass die hier Wähler bessere Möglichkeiten haben, ihre persönlichen Präferenzen zum Ausdruck zu bringen, ohne dass dadurch die Methode unnötig verkompliziert würde. Ein ähnliches Feldexperiment wurde bereits von demselben Team zur hessischen Landtagswahl 2008 durchgeführt . Desweiteren gab es eine empirische Untersuchung des Zustimmungsverfahrens im Rahmen der französischen Präsidentschaftswahlen 2002 in Orsay.

Das Ziel der Untersuchung war es, die Methode des Zustimmungsverfahrens in Deutschland empirisch zu überprüfen. Insbesondere wollten wir herausfinden, welche Unterschiede zwischen den Ergebnissen nach dem Zustimmungsverfahrens und denen nach der derzeit gültigen Wahlmethode bestehen. Abgesehen davon könnten die Resultate aber auch für andere Forschungsfelder interessant sein, wie beispielsweise für die ökonomische und politische Theorie und auch für das Verständnis der politischen Lage in Deutschland.

In der amtlichen Wahl galt es für die die Wählerinnen und Wähler bei der Erststimme aus einer relativ kleinen Anzahl von Kandidaten (insgesamt sechs) einen auszuwählen, wobei derjenige direkt in den Bundestag einzieht, der die einfache Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen kann („Winner Takes All“-Prinzip). Bei der Zweitstimme galt es aus einer relativ großen Anzahl von Parteien (insgesamt 17) eine auszuwählen, wobei die Anzahl der Sitze im Bundestag proportional zur Anzahl der erhaltenen Stimmen verteilt wird. Die Teilnehmer der Wahlstudie wurden gebeten, zwei Wahlscheine auszufüllen, einen für die Erststimme und einen für die Zweitstimme. Dadurch erhielten wir zwei unterschiedliche Datensätze.

DIE AMTLICHE WAHL

Die Stadt Konstanz gehört zum Wahlkreis 287 (Wahlkreis Konstanz). In diesem Wahlkreis gab es sechs Kandidaten für das Direktmandat, jeweils einen Kandidaten der CDU, der SPD, der Grünen, der FDP, der Linken und der NPD. Insgesamt 17 Parteien traten mit Landeslisten zur Wahl an: CDU, SPD, Grüne, FDP, Die Linke, NPD, Republikaner, PBC, MLPD, BüSo, Volksabstimmung, ADM, DVU, Die Violetten, Die Tierschutzpartei, ödp und die Piraten.

In Konstanz ist die CDU mit einem Stimmenanteil von 28.2% deutlich die stärkste Partei. Auf Platz zwei, drei und vier folgen dicht beieinander liegend die Parteien Bündnis 90/ Die Grünen mit 20.8%, die SPD mit 19.8% und die FDP mit 18.3% der Stimmen. Insgesamt schafften es in Konstanz fünf Parteien die fünf Prozent Hürde zu überwinden. Außer den oben bereits erwähnten Parteien, gelang dies noch der Linken (6.5%). Das Direktmandat gewann Herr Jung, der Direktkandidat der CDU dieses Wahlkreises, mit einem Stimmenanteil von 37.3%.

In den ausgewählten Wahlbezirken in Konstanz waren 5526 Wahlberechtigte zur Wahl aufgerufen: „Wahlbezirke Rathaus“, „Wallgutschule I bis III“, „Parkstift Rosenau“ und „Geschwister-Scholl Schule“ mit jeweils 856, 728, 810, 1010, 1157 und 965 Wahlberechtigten. Am Wahltag haben 2879 (52.1%) Wähler dieser Wahlbezirke persönlich an der amtlichen Urnenwahl teilgenommen (Rathaus: 409, d.h. 47.8%, Wallgutschule I: 389, d.h. 53.8%, Wallgutschule II: 376, d.h. 46.4%, Wallgutschule III: 532, d.h. 56.7%, Parkstift Rosenau: 649, d.h. 56.1% und Geschwister-Scholl Schule: 524, d.h. 54.3%).

DIE UNTERSUCHUNG

An unserer Studie nahmen nur Wahllokalwähler teil (Urnenwahl). Daher schlossen wir alle Briefwähler für unsere Berechnungen und Vergleiche mit der offiziellen Wahl aus. Von den 2879 Urnenwählern nahmen 1431 (49,7%) an unserer Studie teil (Rathaus: 234, d.h. 57.2%, Wallgutschule I: 165, d.h. 42.4%, Wallgutschule II: 218, d.h. 58.1%, Wallgutschule III: 261, d.h. 49.1%, Parkstift Rosenau: 301, d.h. 46.4% und Geschwister-Scholl Schule: 252, d.h. 48.1%). Es gab 2 ungültige Zweitstimmen (eine in der Wallgutschule I, eine im Parkstift Rosenau), und eine ungültige Erststimme (Parkstift Rosenau), sodass unser Datensatz die Entscheidungen von 1429 Wählern für die Erststimme und 1430 Wählern für die Zweitstimme umfasst.

Die Ergebnisse bei der Vergabe der Erst- bzw. Zweitstimme unterscheiden sich zum Teil erheblich von denen der amtlichen Wahl. Wir werden die Resultate in vier Abschnitten erläutern: Erststimme, Zweitstimme, fiktiver Bundestag Konstanz und weitere Anmerkungen (z.B. Koalitionszustimmungen).

Allgemeine Anmerkung: Obwohl die Resultate in unseren ausgewählten Wahlbezirken repräsentativ für die Ergebnisse der Stadt Konstanz sind, kann man statistisch die „Stichprobe Konstanz“ nicht als Grundlage für politische Aussagen benutzen, die ganz Deutschland betreffen. Unsere Diskussion ist daher als rein informativ zu verstehen. Wir beschränken uns auf einen Vergleich mit den Ergebnissen der amtlichen Urnenwahl in Konstanz selbst.

Unsere Tabellen sind wie folgt zu lesen:

  • Kandidat/Partei:Name und Partei des Kandidaten/der Partei.
  • Zustimmungen: Prozent der Wähler, die dem Kandidaten/der Partei zugestimmt haben. Da jeder Wähler mehr als einem Kandidaten/einer Partei zustimmen konnte, addieren sich die Prozente nicht zu 100%, sondern zu (in diesem Fall) 194.3% für die Erststimme und 255.7% für die Zweitstimme.
  • Z-Anteil: Anzahl der Zustimmungen für einen Kandidaten/eine Partei, dividiert durch die Gesamtanzahl der Zustimmungen (d.h. eine Renormalisierung der Zustimmungen, sodass sich die Summe auf 100% beläuft).
  • Z-Rang: Hier werden die Kandidaten/Parteien absteigend nach Anzahl der Zustimmungen geordnet (z.B. Z-Rang „1“ für den Kandidaten mit den meisten Zustimmungen).
  • A-Prozent: Stimmenanteil bei der amtlichen Wahl in Konstanz(ohne Briefwähler).
  • A-Rang: Hier werden die Kandidaten/die Parteien absteigend nach ihrem Stimmenanteil in der amtlichen Wahl geordnet (z.B. A-Rang „1“ für den Kandidaten mit den meisten Stimmen bei der amtlichen Wahl).

ERGEBNISSE (1): Erststimme

Die folgende Tabelle fasst die Resultate für die Erststimme zusammen.

 

Wahlstudie

Amtl. Wahl (6 Wahlbezirke)

Amtl. Wahl (ganz Konstanz)

Kandidat

Zustimmungen

Z-Anteil

Z-Rang

A-Prozent

A-Rang

A-Prozent

A-Rang

Grüne

50.6%

26.0%

1

19.0%

3

18.9%

3

SPD

46.5%

23.9%

2

25.6%

2

24.7%

2

CDU

45.1%

23.2%

3

37.8%

1

37.3%

1

FDP

33.7%

17.4%

4

10.7%

4

12.1%

4

LINKE

17.4%

9.0%

5

6.5%

5

6.4%

5

NPD

1.0%

0.5%

6

0.4%

6

0.7%

6

Gesamt

194.3%

100.0%

 

100.0%

 

100.0%

 

 

Dazu möchten wir Folgendes anmerken:

  1. Gewinner nach dem Zustimmungsverfahren wäre, im Gegensatz zur amtlichen Wahl, Herr Seiler (Grüne) gewesen. Herr Jung (CDU), der die meisten Stimmen der amtlichen auf sich vereinigen konnte, hat in unserer Wahlstudie lediglich die dritthöchste Anzahl der Zustimmungen erhalten. Abweichend von den Ergebnissen der offiziellen Wah, hat Herr Seiler als einziger Kandidat im Zustimmungsverfahren die absolute Mehrheit der Wähler erreicht --- 50.6% der Wähler gaben Herrn Seiler in dieser alternativen Wahlmethode ihre Zustimmung. Unsere Studie ist ein Paradebeispiel dafür, dass verschiedene Wahlmethoden eheblichen Einfluss auf den Ausgang einer Wahl haben können und unterstreicht wie wichtig eine gerechte, flexible und den Willen der Wähler wahrheitsgemäß abbildende Wahlmethode ist.
  2. Generell können wir beobachten, dass beim Übergang vom personalisierten Mehrheitsrecht hin zum Zustimmungsverfahren, die Abstände zwischen den Kandidaten geringer werden. So beträgt z.B. der Abstand zwischen dem Kandidaten der CDU und dem Kandidaten der SPD in der amtlichen Wahl 12.2 Prozentpunkte, wohingegen der Abstand beim Zustimmungsverfahren auf 1.4 (gemessen in Zustimmungen), bzw. auf 0.7 (gemessen in Zustimmungs-Anteil) Prozentpunkte schmilzt.
  3. Die Wähler haben durchschnittlich 1.943 Kandidaten zugestimmt (Standardabweichung: 0,874). Dieser Wert ist ziemlich robust, denn die einzelnen Durchschnittswerte in den sechs Wahllokalen waren vergleichbar groß (Rathaus: 1.9, Wallgutschule I: 1.97, Wallgutschule II: 1.98, Wallgutschule III: 1.93, Parkstift Rosenau: 1.87 und Geschwister-Scholl Schule: 2.02)..

ERGEBNISSE (2): ZWEITSTIMME

Die folgende Tabelle fasst die Resultate für die Zweitstimme zusammen.

 

Wahlstudie

Amtl. Wahl (6 Wahlbezirke)

Amtl. Wahl (ganz Konstanz)

Parteien

Zustimmungen

Z-Anteil

Z-Rang

Prozent

A-Rang

Prozent

A-Rang

Grüne

58.1%

22.7%

1

20.1%

3

20.8%

2

SPD

47.3%

18.5%

2

21.9%

2

19.8%

3

CDU

41.5%

16.2%

3

28.6%

1

28.2%

1

FDP

36.3%

14.2%

4

16.9%

4

18.3%

4

Piraten

20.8%

8.1%

5

3.7%

6

3.6%

6

Linke

18.4%

7.2%

6

6.2%

5

6.5%

5

Tierschutzpartei

12.2%

4.8%

7

0.9%

7

1.0%

7

ödp

7.4%

2.9%

8

0.3%

9

0.3%

9

Volksabstimmung

4.9%

1.9%

9

0.2%

10

0.2%

12

Die Violetten

3.1%

1.2%

10

0.2%

10

0.3%

10

REP

1.3%

0.5%

11

0.2%

12

0.2%

11

NPD

1.0%

0.4%

12

0.4%

8

0.5%

8

MLPD

1.0%

0.4%

12

0.1%

14

0.1%

14

PBC

1.0%

0.4%

14

0.2%

13

0.2%

13

BüSo

0.7%

0.3%

15

0.0%

16

0.0%

16

ADM

0.3%

0.1%

16

0.0%

15

0.0%

17

DVU

0.3%

0.1%

17

0.0%

16

0.0%

15

Gesamt

255.7%

100.0%

 

100.0%

 

100.0%

 

Dazu möchten wir folgende Anmerkungen machen:

  1. Nach dem Zustimmungsverfahren wären die Grünen mit 58.1%, noch vor der CDU und SPD, die eindeutig stärkste Partei gewesen. Deutlich mehr Wähler trauen also den Grünen die Regierungsfähigkeit zu, als dies das Endergebnis der amtlichen Wahl vermuten lässt. Vier Parteien, können sich jeweils auf eine Zustimmung von über 30% der Wähler stützen: Die Grünen, die SPD, die CDU, und die FDP. Des Weiteren bemerkenswert ist die Tatsache, dass eine kleine Partei wie die Piraten („nur“ 3.7% in der amtlichen Wahl) es schafft in die Riege der großen Parteien aufzusteigen. Sie erhielt sogar mehr Zustimmungen als die Linke. Die Ergebnisse des Zustimmungsverfahrens in Konstanz könnten ein Hinweis darauf sein, dass die offizielle Wahlmethode und das daraus resultierende typische Bild der Parteienlandschaft in Deutschland (2 große Volksparteien, 3 kleinere Parteien die den Einzug in den Bundestag schaffen), nur unzureichend die Präferenzen der Wähler abbildet. Parteien wie Die Grünen und die Piraten, wären die „großen Gewinner“ des Zustimmungsverfahrens, was zu Lasten der restlichen „großen“ Parteien ginge.
  2. Eine absolute Mehrheit an Wählern hat nach dem Zustimmungsverfahren den Grünen zugestimmt. Keine weitere Partei hat im Zustimmungsverfahren eine absolute Mehrheit an Zustimmungen erhalten, was nach dieser Wahlmethode (d.h. dem Zustimmungsverfahren) theoretisch durchaus möglich gewesen wäre.
  3. Manche der sonst eher als „klein“ eingestuften Parteien, sind nach den Ergebnissen des Zustimmungsverfahrens nicht mehr als so „klein“ zu betrachten. Es gibt zwei Parteien, die aufgrund der Ergebnisse der offiziellen Wahlmethode irrelevant sind, nach dem Zustimmungsverfahren aber die Zustimmung von bedeutend mehr als 5% der Wähler erhalten. Es handelt sich hierbei um die folgenden Parteien: die Tierschutzpartei (12.2%) und die ödp (7.4%). Auch Parteien wie die Volksabstimmung (4.9%) und Die Violetten (3.1%), die in der amtlichen Wahl unter 0.3% liegen, erhalten deutlich höhere Zustimmungswerte.
  4. Die Wähler haben im Schnitt 2.56 Parteien zugestimmt (Standardabweichung: 1.15). Dieser Wert erwies sich ebenfalls als recht robust, denn die Durchschnittswerte in den sechs Wahllokalen, mit Ausnahme des Wahlbezirks Parkstift Rosenau, waren in etwa vergleichbar (Rathaus: 2.72, Wallgutschule I: 2.56, Wallgutschule II: 2.66, Wallgutschule III: 2.53, Parkstift Rosenau: 2.27 und Geschwister-Scholl Schule: 2.68). .

Besonders beachtenswert sind sowohl der im Zustimmungsverfahren beobachtete Übergang von fünf auf sechs große Parteien, die den Einzug in den Bundestag schaffen würden (siehe weiter unten: der Bundestag Konstanz), als auch die unterschiedliche Bedeutung der so genannten „kleinen Parteien“ in Abhängigkeit von der jeweils eingesetzten Wahlmethode. Diese Unterschiede zwischen den Ergebnissen der offiziellen Wahlmethode und dem Zustimmungsverfahren lassen sich folgendermaßen erklären: Da im Durchschnitt ein Wähler 2.56 Parteien zugestimmt hat, bekommt eine Partei nach dem Zustimmungsverfahren durchschnittlich 2.56 Mal die Stimmen, die sie im offiziellen Verfahren bekommen hat. Das heißt, um die Anzahl der Zustimmungen einer „durchschnittlichen“ Partei im Zustimmungsverfahren auf Grundlage ihrer Stimmen im offiziellen Verfahren vorherzusagen, müsste man die Anzahl der Stimmen im offiziellen Verfahren mit dem Faktor 2.56 multiplizieren. Bei CDU, SPD und FDP liegt der Faktor jedoch nur bei jeweils 1.45, 2.16 und 2.15. Die Grünen dagegen erhalten einen Faktor von 2.89. Der Faktoren der NPD ist mit 2.49 etwas kleiner als der Durchschnitt. Dagegen sind die Faktoren der Piraten Partei, der Tierschutzpartei und der ödp mit 5.65, bzw. 13.92 und 23.46 jedoch enorm hoch.

Wir ziehen die Schlussfolgerung, dass die derzeitige offizielle Wahlmethode die Wählermeinung nur verzerrt abbildet. Sie zwingt die Wähler, sich für nur eine Partei zu entscheiden. Dadurch wird für viele Wähler das so genannte Argument der ?nützlichen Stimme? bedeutsam. Nach diesem Argument sollte man die so genannten „kleinen Parteien“, die man eigentlich bevorzugen würde, nicht wählen, weil sie klein sind und keine Chancen haben den Regierungsauftrag zu bekommen oder gar in den Bundestag einzuziehen. Stattdessen, so stellen sich dass die Wähler vor, sollte man eine „große“ Partei wählen, deren Position man zwar gerade noch zustimmt, die man aber eigentlich weniger gerne an der Macht sehen würde als die eigentlich bevorzugte „kleine Partei“. Verhalten sich Wähler nach dieser Denkweise, führt das dazu, dass die „kleinen Parteien“ klein bleiben, auch wenn ihnen eigentlich eine relativ große Anzahl der Wähler zustimmt. Zum Beispiel werden möglicherweise CDU und SPD gewählt, weil es sich bei diesen um große Parteien handelt, obwohl die Präferenzen der Wähler für die Piraten, ödp oder die Tierschutzpartei ähnlich hoch sind. In diesem Sinne bleiben die großen Parteien deshalb groß, nur weil sie bereits groß sind bzw. als „große“ Parteien angesehen werden. Sämtlichen „kleinen“ Parteien werden so Stimmen entzogen, weil sie derzeit klein sind (obwohl manche nach den wahren Präferenzen der Wähler vielleicht gar nicht so klein sind). Da beim Zustimmungsverfahren ein Wähler sowohl die „kleine“ Partei wählen darf, die er vielleicht am stärksten bevorzugt, als auch die „große„, der er auch zustimmt, entfällt beim Zustimmungsverfahren das Kalkül der „nützlichen Stimme“.

ERGEBNISSE (3): Der Bundestag Konstanz

Um zu illustrieren, wie eine Anwendung des Zustimmungsverfahrens die Zusammensetzung des Bundestags ändern würde, haben wir aufgrund der Ergebnisse des Zustimmungsverfahrens in Konstanz einen fiktiven Bundestag gebildet und dabei angenommen, die Ergebnisse von Konstanz seien auf das ganze Land übertragbar. Dieser fiktive „Bundestag Konstanz“ dient natürlich nur der Illustration. Da es leider nicht möglich ist unsere Ergebnisse auf andere Wahlkreise zu übertragen, fließen bei der Berechnung unserer fiktiven Bundestage nur die Ergebnisse der Zweitstimme mit ein.

Um einen Vergleich zu ermöglichen, bilden wir zuerst auf Basis der offiziellen Wahlergebnisse der sechs ausgewählten Wahlbezirke einen fiktiven Bundestag Konstanz (Bundestag Konstanz (6WB)). Hierzu berechnen wir; welche Sitzverteilung sich im Bundestag ergeben würde, wenn man die Ergebnisse der amtlichen Wahl in den sechs Wahlbezirken auf das ganze Land übertragen würde. Wie bereits erwähnt, sind hierbei nur die Zweitstimmen berücksichtigt, d.h. wir sehen davon ab, mögliche Überhangmandate in unseren Berechnungen zu erwägen.

Die folgende Tabelle und die dazugehörige Abbildung zeigen den fiktiven „Bundestag Konstanz“, der sich nach den Ergebnissen der offiziellen Wahl der sechs Wahllokale in Konstanz ergeben würde. Die Sitzverteilung wird, wie es auch in der offiziellen Wahl der Fall gewesen ist, nach dem St. Laguë Verfahren berechnet.

 

Stimmen

Zuteilungsdivisor

Ergebnis

Sitze

CDU

814

4.463210702

182.379918

182

SPD

623

4.463210702

139.585613

140

GRÜNE

573

4.463210702

128.382915

128

FDP

482

4.463210702

107.994005

108

LINKE

177

4.463210702

39.6575496

40

Gesamt

2669

 

 

598

Abbildung 1: Bundestag Konstanz, nach amtlicher Wahl in den 6 Wahlbezirken

Wir sehen, dass die CDU und die SPD die zwei größten Parteien sind. Im Gegensatz zum amtlichen Endergebnis der Bundestagswahl 2009, hat die Koalition aus CDU und FDP keine absolute Mehrheit, eine Rot-Rot-Grüne Koalition dagegen, mit 51% der Sitze, würde die absolute Mehrheit erreichen.

Um einen fiktiven „Bundestag Konstanz“ nach dem Zustimmungsverfahren zu bilden, verwenden wir die normalisierten Zustimmungsanteile. Dabei ist die Anzahl der Zustimmungen für die Partei, geteilt durch die Summe aller Zustimmungen (und nicht durch die Anzahl der Wähler) entscheidend für die Anzahl von Abgeordneten der entsprechenden Partei. Darüber hinaus wenden wir aus Gründen der Vergleichbarkeit das Sitzverteilungsverfahren der amtlichen Wahl an, d.h., wir wenden auch hier das St. Laguë Verfahren an und behalten die 5%-Hürde für den Einzug in den Bundestag bei. Dabei mussten wir entschieden, ob die 5%-Hürde als Kriterium für den Einzug in den Bundestag auf Zustimmungen oder auf Zustimmungsanteile angewendet werden soll. Wir wählten schließlich als Kriterium für den Einzug in den Bundestag die Zustimmungsanteile, d.h. jede Partei, die eine normalisierte Zustimmung von mindestens 5% der Wähler auf sich vereinigt hat, zieht in den fiktiven Bundestag ein.

Die folgende Tabelle und die dazugehörige Abbildung zeigen den fiktiven „Bundestag Konstanz“ wie er sich aufgrund des Zustimmungsverfahrens ergeben würde. Zuerst wurden alle Parteien unter der 5%-Zustimmungsgrenze eliminiert. Anschließend wurden die Gesamtzustimmungen für die einzelnen Parteien neu berechnet und das Divisorverfahren nach St. Laguë angewandt.

 

Stimmen

Zuteilungsdivisor

Ergebnis

Standardrundung

Grüne

831

5.315

156.349953

156

SPD

677

5.315

127.375353

127

CDU

593

5.315

111.571025

112

FDP

519

5.315

97.6481656

98

Piraten

298

5.315

56.0677328

56

Linke

263

5.315

49.4825964

49

Gesamt

3181

 

 

598

Abbildung 2: Bundestag Konstanz, nach Zustimmungsverfahren

Der fiktive Bundestag Konstanz, basierend auf den Ergebnissen des Zustimmungsverfahrens, unterscheidet sich stark vom fiktiven Bundestag Konstanz basierend auf den Ergebnissen der amtlichen Wahl: (1) Die Grünen und die SPD bilden die zwei stärksten Fraktionen in diesem Bundestag. (2) Es wäre zusätzlich eine kleine Partei im Bundestag vertreten, nämlich die Piraten. (3) Die „große Koalition“ (CDU und SPD) würde keine absolute Mehrheit erreichen.

In diesem fiktiven Bundestag würden sich interessante Möglichkeiten für die Regierungsbildung ergeben. Zum Beispiel wäre die Piraten Partei in der Lage, eine Regierung von SPD und Grünen zu ermöglichen, ohne dass hierzu die Teilnahme Der Linken oder der FDP notwendig wäre. Allerdings wäre die Piratenpartei nicht in der Lage, eine Regierung von CDU und FDP zu ermöglichen. Des Weiteren wären auch Koalitionen aus Grünen, FDP und Piratenpartei, als auch eine breite Koalition von allen Parteien außer CDU und SPD theoretisch möglich.

ERGEBNISSE (4): SONSTIGE ANMERKUNGEN

Koalitionen. Ein Vorteil des Zustimmungsverfahrens ist, dass man die Zustimmung für Koalitionen an Hand der vorhandenen Stimmen nachprüfen kann, ohne zusätzliche Befragungen durchführen zu müssen. Wir sind in der Lage aufgrund unseres Datensatzes zu berechnen, wie viele Wähler jeweils explizit für eine Koalition gestimmt, d.h. allen Parteien einer hypothetischen Koalition zugestimmt haben. Die folgende Tabelle stellt die Anzahl der Wähler in Prozent dar, die jeder der politisch interessanten Koalitionen zugestimmt haben.

Koalitionen

Z-Prozent

SPD+Grüne

36,1%

CDU+FDP

25,5%

Grüne+Piraten

15,3%

CDU+Grüne

14,5%

Grüne+FDP

12,1%

SPD+CDU

10,8%

SPD+FDP

9,1%

SPD+Grüne+Piraten

8,1%

SPD+Grüne+Linke

7,9%

CDU+FDP+Grüne

6,6%

SPD+Grüne+FDP

5,0%

CDU+FDP+Grüne

2,4%

Aus diesen Ergebnissen wird ersichtlich, dass in unserem Datensatz nur eine geringe Wählerzustimmung für diejenigen regierungsfähigen Koalitionen zu finden ist, die vor der Bundestagswahl als wahrscheinlich gehandelt wurden. Betrachtet man die Tabelle etwas genauer, kann man feststellen, dass das gute Abschneiden der Grünen im Zustimmungsverfahren damit zusammenhängt, dass die Partei von vielen verschiedenen Wählergruppen Stimmen erhalten hat. Die Koalition aus den Grünen und den Piraten hat nach den Ergebnissen unserer Studie die drittmeisten Zustimmungen bekommen.

Andere spezifische Fragen können dagegen leicht und schnell beantwortet werden. Beispielsweise haben 831 Wähler den Grünen zugestimmt und 593 der CDU. Davon haben aber nur 207 Wähler gleichzeitig den Grünen und der CDU zugestimmt. Das bedeutet, nur 24,9% der Grünen-Wähler würden auch der CDU zustimmen wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Dagegen würden aber immerhin 34,9% der CDU-Wähler auch den Grünen zustimmen.

Anzahl der Zustimmungen. Es wurde in der wissenschaftlichen Literatur (z.B. in der Orsay-Studie in Frankreich und in einigen anderen kleinen Studien) berichtet, dass beim Zustimmungsverfahren die Wähler häufig durchschnittlich drei Kandidaten ihre Zustimmung geben. Diese Beobachtung lässt sich jedoch, ähnlich wie wir es schon in unserer Studie in Hessen beobachtet haben, anscheinend nicht verallgemeinern. In unserer Studie haben die Wähler durchschnittlich 1.94 Kandidaten (von 6 möglichen Kandidaten) und 2.56 Parteien (von 17 möglichen Parteien) zugestimmt. Zum Vergleich, in unserer Studie in Hessen wurde durschnittlich 1.86 Kandidaten (von 8 möglichen Kandidaten) und 2.25 Parteien (von 17 möglichen Parteien) zugestimmt. Wir vermuten, dass die Anzahl der Zustimmungen auf derzeit nicht identifizierte psychologische, demographische oder kulturelle Faktoren zurückzuführen ist. Tatsache ist, dass deutsche Wähler in Messel 2008 und in Kostanz 2009 sich für bedeutend weniger Optionen entschieden haben als französische Wähler in Orsay 2002. Jedoch haben die Konstanzer Wähler wiederum deutlich mehr Zustimmungen abgegeben, als dies in Messel der Fall war.

Akzeptanz und praktische Anwendbarkeit. Ein weiterer Vorteil des Zustimmungsverfahrens, gegenüber der amtlichen Wahlmethode, sind die flexibleren Möglichkeiten, die ein Wähler hat, um seinen Wünschen Ausdruck zu verleihen. Während es nur 17 verschiedene Arten gibt (wir sehen von der Tatsache ab, dass jemand einen leeren Zettel abgibt) den Parteienstimmzettel in der amtlichen Wahl auszufüllen (die Wähler können ein Kreuz für eine der 17 Parteien setzten), gibt das Zustimmungsverfahren den Wählern 2 hoch 17 (entspricht 131072) verschiede Optionen den Stimmzettel auszufüllen. In der Tat haben 1233 Teilnehmer diese flexibleren Möglichkeiten genutzt und für zwei oder mehr Alternativen gestimmt. Dabei muss man bedenken, dass Wähler im Zustimmungsverfahren genauso wählen können wie in der amtlichen Wahl auch, d.h. sie können sich auch dafür entscheiden, nur für einen Kandidaten und nur für eine Partei zu stimmen. D.h. 86.2% der Teilnehmer meinten, durch das Zustimmungsverfahren ihre Präferenzen besser ausdrücken zu können, als sie dies in der amtlichen Wahl machen können. Die relativ geringe Anzahl an ungültigen Stimmen, als auch die große Akzeptanz der Methode, lassen schließen, dass das Zustimmungsverfahren durchaus in großen Wahlen anwendbar wäre.

Sichtbarkeit der kleinen Parteien. Eine weitere Eigenschaft der offiziellen Wahlmethode zeigte sich in unserer Untersuchung. Für die so genannten „kleinen“ Parteien existiert im derzeitigen Wahlsystem eine weitere Hürde, nämlich ihre psychologische Unsichtbarkeit. Eine nicht unbedeutende Anzahl der Wähler hat uns während der Durchführung der Untersuchung berichtet, dass sie auf dem offiziellen Stimmzettel nie „nach unten schauen“ würden. Mit anderen Worten, viele Wähler haben an der offiziellen Wahl teilgenommen, die Liste der für sie verfügbaren Parteien aber nicht vollständig gelesen. Erst als diese Wähler in „unser“ Wahllokal kamen, und plötzlich die Möglichkeit hatten, für mehr als eine Partei zu stimmen, haben die Wähler die vollständige Liste gelesen. Manche Wähler äußerten sogar die Vermutung, dass unsere Stimmzettel nicht ernst gemeint seien, weil sie nicht glauben wollten, dass Parteien mit Namen wie „Die Piraten Hessen“ oder „Die Violetten“ tatsächlich kandidiert hatten. Und das obwohl dieselben Wähler wenige Minuten zuvor einen offiziellen Stimmzettel abgegeben hatten, auf dem die besagten Parteien aufgelistet waren.

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